Publikum

Ein Publikum existiert. Man kann es nicht schaffen, es nicht erbauen. Die Leute tun, was sie wollen. Die Frage, die man sich stellen sollte, ist vielmehr: Wie  kann ich ihnen helfen, es besser zu tun? Eine Möglichkeit ist es, ihnen einen „eleganten Zugang und eine elegante Organisation“ zu ermöglichen. In gewissem Sinne ist das etwas, was wir Journalisten immer schon versucht haben. Nur, dass wir jetzt mehr Werkzeuge dazu haben. Inzwischen haben wir eine total veränderte Beziehung zum Publikum. Die Frage, die mich immer mehr beschäftigt, ist: Wie also können Menschen besser miteinander kommunizieren, besser ihr Wissen teilen? Wie ermöglichen wir ihnen, selbst zu publizieren? Und wie unterstützen wir sie dabei nicht nur emotional sondern auch materiell?

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Rosivaldo

Rosivaldo ist Matrose. Wenn man diesen Mann für alle Fälle so nennen kann.
Matrose auf  einem Hospitalschiff  im Amazonasgebiet.
Sein Job ist es, sich um die vier 350PS-Schiffsdiesel zu kümmern, jeden morgen „klar Deck“ zu machen, und beim An- und Ablegen Hand an die sackschweren Taue zu legen. Matrosenarbeit eben.

 

Rosivaldo kann aber auch Leben retten. Manchmal ist sein Schiff zwei Tagesreisen von der nächsten Stadt entfernt.  Wenn ein Notfall reinkommt, der nicht an Bord versorgt werden kann, dann wird  Rosivaldos Aluminium-Kahn  zum Ambulanz-Fahrzeug. Vier Meter ist das offene Boot lang, und  mit seinem Johnson-Aussenborder gut viermal so schnell wie jeder Amazonas-Clipper.

An diesem Nachmittag bringen die Dorfbewohner eine Frau, die gerade entbunden hat und nicht aufhört zu bluten. Zwei Stunden ist das Neugeborene alt und hat noch nicht gelernt, von der Mutterbrust zu trinken. Eine Kusine ist dabei und der frischgebackene Papa.

Auf dem Schiff  können sie die notwendige gynäkologische Operation nicht machen: Rosivaldo soll die junge Mutter ins Krankenhaus der Hafenstadt Santarem bringen.  Sie wird auf einer Trage ins Boot gelegt, das Gestell auf die Pritschen geschnallt. Es ist Abend, es sind 28 Grad und es regnet.

Und es liegen zwei Stunden Fahrt vor ihnen – flussabwärts den Rio Tapajós hinunter. Der ist hier so breit, dass man auch tagsüber das andere Ufer nicht sehen kann. Und heute Nacht noch nicht mal die Sterne. Sonst orientiert  sich Rosivaldo am „Kreuz des Südens“ oder gegenüber an den drei Lichtern des Orion. Heute Nacht zählt nur seine Erfahrung.

Nach zwei Stunden kommt Rosivaldo an mit seiner Patientin: Der Lappen zwischen ihren Beinen ist nass und braunrot. Am Flussufer wartet schon ein weißer VW-Kombi auf Mama und Kind: Der städtische Krankenwagen.

Rosivaldo fährt in dieser Nacht noch zurück, wieder zum Hospitalschiff.
30 Liter Sprit hat er dabei, eine Flasche Wasser und zwei Tapioka-Pfannkuchen als Verpflegung. Und seinen schwarzen Hut. Der ist tagsüber gut gegen die Sonne und heute Nacht gut gegen den tropischen Gewitterregen.

Auch wenn er jetzt den Außenborder voll aufdrehen kann – flussaufwärts dauert die Fahrt länger als zwei Stunden. Aber zurück will er auf jeden Fall. Kann ja sein, dass es noch einen Notfall gibt. Respekt Rosivaldo.