Kakuma heisst „Nirgendwo“

Kakuma ist ein UN-Flüchtlingslager im Norden Kenias. Das Lager wurde 1992 für Kinder und Jugendliche aus Südsudan eingerichtet. Heute stammen die Lagerbewohner zu 70 % aus Südsudan. Auch Äthiopier und Somalier, Eritreer, Burundier, Ruander, Ugander und Kongolesen wurden von den UN hier hergebracht.

Das UN-Flüchtlingslager ist ein hoffnungsloser Ort für viele der Flüchtlinge. Denn es liegt mitten in der Wüste. Und das gigantische Areal von 25 Quadratkilometern ist so zu einem regelrechten Freiluftgefängnis geworden.

Kakuma – bedeutet „Nirgendwo“ und es hält einen traurigen Rekord, denn es ist das zweitgrößtes UN-Flüchtlingslager weltweit. Über 160 000 Menschen vegetieren hier.

Täglich kommen an die 500 Neuankömmlinge aus dem Südsudan, vor allem Kinder und Mütter.

Der junge Josep Nhial berichtet: „Ich habe alle meine Brüder und meine Eltern in dieser Gewalt , in diesem Konflikt verloren. Die Kämpfer, sie fangen Menschen ein, töten einen von ihnen und die anderen müssen ihn dann aufessen. Das war einfach zu schlimm. Menschen essen Menschen!“

Am Tag wirkt hier alles friedlich, doch selbst im Lager ist die Gewalt nicht zu ende. Immer wieder gibt es Spannungen , Banden herrschen in der Nacht, die kenianische Polizei reagiert mit Willkür.

Alex ist  22 Jahre alt, stammt aus der Nähe von Juba: „Die Lage ist hart. Wir sind alle wie eingesperrt. Die Polizei macht dicke Fehler gegenüber den Zivilisten. Das ist ein Problem in der Nacht: Die schlagen uns Zivilisten in der Nacht.“

Bruder Ronald Ekai, ein katholischer Priester, bringt es auf den Punkt: Die gehen auf und ab wie eingesperrte Tiere. Sie haben keine Bewegungsfreiheit und Zugang zu nichts. Nur was sie aus Barmherzigkeit bekommen, lässt sie weiterleben. Ohne Ernährung, ohne Wasser, ohne korrekte Gesundheitsversorgung und Toiletten. Das ist ein echtes Gefängnis.“

Eigentlich hatte die kenianische Regierung erwogen, Kakuma zu schließen, und die somalischen Flüchtlinge aufgrund der Terrorattacken in Nairobi zurück zu schicken. Doch angesichts der Krise in Süd Sudan musste das Lager offen gehalten werden.

Wohl noch für Jahre, wie  Jeremiah Ekoel, der stellvertretende Lager-Leiter durchblicken lässt:„Ich werde ihnen nicht sagen, dass dieses Camp für ewig existieren wird. Aber für einige Zeit schon noch. Es gibt ja Friedensbemühungen in einigen Ländern. Sodass die Leute einmal zurückkehren und dort wieder produktiv sein können.“

Offiziell darf niemand das Lager verlassen. Nur wer krank ist, bekommt eine Genehmigung, das außerhalb gelegene Hospital aufzusuchen.

Mehr als 160 000 Menschen vegetieren dahin in Kakuma. Geparkt auf dem Abstellgleis der Internationalen Staatengemeinschaft.

Vom Megaprojekt zum Groschengrab

Vor zehn Jahren wurde im Südosten Portugals der umstrittene Alqueva-Staudamm eingeweiht, der den Rio Guadiana aufstaut. Es ist der größte künstliche See der EU. An dem Staudamm hingen alle Hoffnungen auf Entwicklungschancen für die ärmste Region des Landes, den Alentejo.

250 Millionen Euro kostete der Bau des Alqueva-Dammes – die Hälfte des Geldes stammte von der Europäischen Union. Heute hält der Damm, Wasser ist im See – doch die Kassen sind leer und alle notwendigen Anschlussfinanzierungen lassen auf sich warten. Die touristische und infrastrukturelle Erweiterung des Staudammgebietes in der trockensten Region Portugals ist gescheitert.

Heute hat sich das Megaprojekt als Groschengrab erwiesen .

FAQ’s ( – zum Beispiel meiner Tochter)

Was macht ein Reporter? Ein Reporter versucht, das zu erzählen, was er vor Ort erlebt. Er versucht, wahrhaftig zu berichten, die Wahrheit zu berichten – was nicht immer leicht ist.

Warum hast Du diesen Beruf? Ich habe diesen Beruf gewählt, weil ich es liebe, Geschichten zu erzählen. Ich mag es, an Plätzen zu sein, wo ich Neues erfahre. Und ich genieße es, mich in meiner Muttersprache in den verschiedenen Registern zu bewegen.
Machst Du viele Reportagen? Viele, aber auf alle Fälle nicht zu viele. Je weiter entfernt der Drehort, je komplizierter das Thema, desto mehr Zeit braucht es, mit Leuten zu reden und zu arbeiten. Es ist nicht die Zahl der Reportagen, die zählt, sondern ihre Qualität.
Wie lange bleibst Du in einem Land? In der Regel zwischen einer starken Woche und zehn Tagen – es braucht einerseits Zeit, um zu begreifen, was dort im Land passiert – und andererseits muss es manchmal auch schnell gehen mit dem Berichten. Deshalb ist es auch schwierig, möglichst nahe an die Wahrheit zu kommen.
Was war das traurigste Erlebnis? Das Leben einer armen Familie zu sehen, die neben einem Bahngleis in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesh, lebt. Sie hatten kaum zu essen, ein Sohn hatte keine Beine mehr, weil er vom Zug überfahren worden war, sie kochten auf den Gleisen. Keine Schule, kein Haus, kein Schutz, keine Zukunft. Und dennoch waren sie sehr freundlich zu mir und meinem Kameramann. Was traurig ist, ist die Tatsache, dass wir zwar über sie berichtet haben – ihnen aber nicht wirklich geholfen haben.
Meistens berichten wir ja über schwierige Situationen – Konflikte, Armut, Natur- Katastrophen. Deshalb versuche ich auch hin und wieder „leichtere“, oder „positivere“ Geschichten zu erzählen.
Warst Du schon in vielen Ländern? Ja, in Europa und auch weltweit. Manche Journalisten stecken Fähnchen in eine Weltkarte und legen sich so eine Sammlung ihrer Einsatzorte an. Das tue ich nicht.
Was war das weiteste? Australien. Wir haben dort die letzte Preisboxer-Truppe der Welt begleitet. Zehn Boxer, die mit ihrem Zelt durch den Outback touren. Und jeder aus dem Publikum kann gegen sie boxen. Sagt viel aus über den australischen „spirit of life“.
Sprichst Du viel mit Menschen? Auf Reportagereise mache ich eigentlich nichts anderes. Ich stehe sehr früh auf und rede viel. Was toll ist, wenn man sich ohne einen Übersetzer unterhalten kann. Dazu muss man mehrere Sprachen sprechen.
Wie viel Zeit bleibt da noch für die Familie? Wenn ich weg bin, bin ich weg. Dann müssen meine Frau und meine Tochter alleine zurecht kommen. Aber sie kennen mich ja nicht anders als als Journalist. Und dennoch:  Ohne die Unterstützung meiner Familie könnte ich diesen Beruf h nicht machen.
Man hat nicht immer viel Zeit – aber oft haben wir ja auch freie Tage.
Macht Dich der Beruf nicht manchmal traurig? Traurig macht es, über Ungerechtigkeiten, Machtmissbrauch, Armut und Not zu berichten. Wenn man aber sieht, dass man andere Menschen, Zuschauer oder Leser, mit seinem Bericht erreichen kann, ihnen etwas mitteilen kann, was sie reagieren lässt – das wiederum macht zufrieden und stolz!
Was ist Dein Handwerkszeug? Für mich persönlich sind es meistens nur ein kleines Notizbuch und ein Bleistift, die beide in die Hosentasche passen. Natürlich auch ein Computer, ein Telefon, Internet. Dann die Kamera, Ton, Licht… „Handwerkszeug“ im weitesten Sinne ist aber auch der Umgang mit Menschen: Das sind zuallererst die anderen im Team: Ein(e) Kameramann(-frau) und manchmal ein(e) Tontechniker(in), ein(e) Übersetzer(in), ein(e) Cutter(in) und selbstverständlich die Kollegen mit denen man über das Thema diskutiert. Danach kommen die Menschen vor Ort.
Wenn man all die schlimmen Dinge auf der Welt sieht, will man da überhaupt noch weiterarbeiten? Ja, weiter arbeiten auf jeden Fall. Ich kann mir gar nicht vorzustellen, nicht journalistisch zu arbeiten. Aber ab und zu will ich auch gerne über positive Dinge berichten.
Was muss man als Journalist mögen? Man muss mit Menschen sprechen wollen, man muss neugierig und flexibel sein. Man muss lernen wollen. Und man muss es mögen, zu verreisen. Obwohl die Mehrzahl der Journalisten ja  heutzutage vom Schreibtisch aus arbeiten – dank Internet. Oder sie arbeiten an ganz speziellen Recherchethemen.
Warum arbeitest Du beim Fernsehen? Ich habe bei einer großen Tageszeitung angefangen, dann Radio gemacht und jetzt Fernsehen. Bei allen drei muss man gut schreiben können. In der geschriebenen Presse kann man mehr erzählen als im Fernsehen. Radio ist ganz schnell und direkt. Vor der Kamera zu stehen, das habe ich auch schon getan, dazu habe ich aber keine große Lust. Hinter der Kamera schon – und das mache ich auch noch manchmal – selber drehen. Aber Fernsehen allein genügt nicht – deshalb schreibe ich auch weiter.
Hast Du Zeit, vor Ort ein Land zu genießen? Nein, nicht so viel, wie man denken mag. Wir sind ja keine Touristen. Journalistisch zu arbeiten ist eine andere Art zu reisen und Menschen zu begegnen. Aber natürlich – ja! Manchmal kann man auch eine Stadt, eine Landschaft, eine Begegnung richtig genießen. Aber eben nur für eine sehr beschränkte Zeit.
Was waren Deine beiden Lieblingspersonen bei einer Reportage? Ein einfacher Matrose, der mit seinem kleinen Boot auf dem Amazonas einer schwangeren Frau das Leben gerettet hat. Und eine junge Frau in Kamerun, die schon mit 13 Jahren schwanger und von ihrer Familie in die Armut verstoßen wurde; inzwischen aber anderen jungen Mädchen zeigt, wie sie so ein Schicksal vermeiden können.
Was war das Schlimmste, was Du hast essen müssen?  Vergorene Stutenmilch in der Mongolei und gebratene Affenteile in Ruanda. Aber das ist ja alles nur psychologisch… Frittierte Heuschrecken schmecken dagegen köstlich! Und das Schlimmste, was mein Team hat essen müssen, waren Spaghetti mit Pflanzenöl. Die gab“s drei Tage lang in Afghanistan – da habe ich selbst gekocht.

Was bleibt von der Ferne?

„Ich muss raus hier“, sagt mein Kollege und zieht an seiner Zigarette. „Ein Journalist, der hinter seinem Schreibtisch sitzt, ist ein schlechter Journalist“ – hiess es einmal. Oder soll Hubert Beuve-Méry einmal gesagt haben. Wie auch immer. Die anderen aus dem Büro lachen.

Lange ist sie geplant, die Reportage, und dann kommt doch immer der Augenblick, wo es einen danach verlangt, ein letztes Mal alles aufzusaugen, so als ob man eine Garantie dafür suchte, das man zurück kommt; dass es überghaupt einen Rückflug gibt. Dass man für bestimmte Menschen zurückkommt.

Es ist wie ein Ankerwerfen. Beim Ankerwerfen treffe ich die unbewusste Entscheidung wiederzukommen. Die Reise in die Ferne ruft gleichzeitig immer die Erfahrung und das Bewusstsein einer Zugehörigkeit auf den Schirm. Keine Ferne ohne Nähe.Keine reportagereise ohne Vergleich. Ohne Heimathafen , ohne Heimat ist jeder andere Ort bloss ein Ort. Die Ferne alleine existiert nicht für mich. 

Aus der Ferne betrachtet sieht die Heimat dann meistens ganz anders aus.

Und die Erfahrungen „vor Ort“? So gross sind die Unterschiede nicht. Das eigentlich faszinierende ist, dass ich mir manchmal nicht sicher bin, was ich auf der Welt eigentlich erstaunlicher finde: Die Unterschiede oder die Ähnlichkeiten?

 

Ruanda – die Frauen an der Macht

 

Heute haben die Parlamentswahlen in Ruanda begonnen. Ok – wen mag das interessieren! Aber welches Land hat wohl schon heute in seinem Parlament die meisten weiblichen Abgeordneten ?Nein, der Titel geht nicht nach Skandinavien – sondern nach Afrika: Schon heute sind 48 Prozent aller Abgeordneten in Ruanda Frauen.

Eine Folge der positiven Diskriminierungspolitik von Präsident Kagame, wonach per Gesetz mindestens 24 der 80 Sitze an Kandidatinnen von Frauenorganisationen gehen. Ausserdem müssen die Parteien auf ihren Listen mindestens ein Drittel Frauen auf den vordersten Plätzen präsentieren.

Nach dem Genozid von 1994 ist Ruanda inzwischen zu einem Testfeld für eine neue Gender-Politik geworden. Schon heute sind viele Schlüssel-Positionen in Ruandas Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft von Frauen besetzt.

Wenn nächste Woche nun erneut Parlamentswahlen in dem kleinen ostafrikanischen Land sind, könnte es sogar zu einer Revolution kommen: Mehr als 50 Prozent Frauen in einem Nationalen Abgeordnetenhaus – das wäre Weltrekord…

Alltag in Gaza

Der Weg als Reporter in den Gazastreifen führt zwangsläufig über Israel. Und bedeutet zunächst, sich den israelischen Sicherheitsvorkehrungen zu beugen:
Die Akkreditierung bei den Regierungsstellen und dem Zensor in Jerusalem dauert einen Vormittag. Dann die Fahrt eineinhalb Stunden zum Grenzposten Eres: Auf israelischer Seite ist dies ein militärisch hochgesicherter Filter. Kein Ort, der unbeeindruckt lässt.
Vor dem Grenzübertritt – kurz vor den Wachtürmen der Grenzsoldaten wirft sich ein junger Araber schreiend auf den Boden und wird festgenommen. Nur wenigen Palästinensern erlaubt Israel noch die Ein- und Ausreise.
Zu Fuss führt der Weg zwischen Gittern durch einen Gang von vielleicht 200 Metern Länge. Entlang an viereinhalb Meter hohen Betonwänden. Durch Wolken von Uringestank. In fünf Minuten wechsele ich von einer Welt in die andere. Die andere , das ist die Dritte Welt des Gazastreifens.
Die palästinensischen Grenzpolizisten begrüssen mich mit herzlichem Handschlag und alten chinesischen Kalschnikows über der Schulter. Als hätten sie uns lange erwartet.
Unsere Reportage-Idee war es diesmal, zurück an den Ort des Geschehens zu gehen. Nachschauen, was sich innerhalb von drei Monaten verändert hat, was sich durch die Wahl der Hamas in die Regierung wirtschaftlich getan oder nicht getan hat.
Es ist mein zweiter Aufenthalt in Gaza. Die erste Reportage war kurz vor den ersten freien Parlamentswahlen. Das war im Januar 2006. Damals drehten wir Szenen aus dem Alltag in diesem 360 Quadratkilometer grossen Freiluftgefängnis. Wir versuchen, die gleichen Protagonisten wiederzufinden. Den Fischer, der nicht auf“s offene Meer hinausdarf, den Landarbeiter, der nach dem Abzug der Israelis von blühenden Landschaften geträumt hatte, den Manager, der in grossem Stil Obst und Gemüse nach Europa exportieren wollte.

Wir sind zu zweit im Team. Mein Kameramann ist diesmal eine Frau. Sie stört es nicht, in dieser Männerwelt zu arbeiten, vielerorts die einzige anwesende Frau zu sein und mal mit Nichtachtung, mal mit eindeutigen Blicken eingedeckt zu werden.
Da wir kein Arabisch sprechen, verlasse ich mich auf meinen „Stringer“, unseren Fahrer und Übersetzer vor Ort. Anders als noch vor drei Monaten ist er diesmal bewaffnet. Im Hosengürtel stecken zwölf Schuss 9 Millimeter. Keine Chance ihn zu überreden, die Pistole zuhause zu lassen. Auch nicht den Bodyguard, der seine Kalaschnikow im Kofferraum versteckt aber im Magazin nur zwei Patronen hat. Weil sie so teuer geworden sind… Und dann sagt er noch, dass er als Palästinenser nie auf einen Palästinenser schiessen würde. Ausser es muss sein.

Was als erstes auffällt: Es gibt kaum noch Autoverkehr in Gaza-Stadt. Benzin ist Mangelware.

Das zweite ist alle paar Minuten das dumpfe Rollen von Detonationen. Die Israelis schiessen Artilleriegranaten in den nördlichen Gazastreifen. Seit März diesen Jahres schon über 5000. Kämpfer der Hamas versuchen von dort immer wieder selbstgebaute Kassam-Raketen nach Israel zu feuern. Tag und Nacht ist der Kanonendonner zu hören. Auch der Lärm der F-16 Jagdbomber, mit denen die Israelis das Gebiet überfliegen.

Mit ein paar anderen Korrespondenten und Mitarbeitern von humanitären Organisationen sind wir die einzigen Gäste in dem heruntergekommenen Hotel am Strand. Hier treffen die verschiedensten journalistischen Arbeitsweisen aufeinander: Der einsame „Freelancer“, der als schlechtbezahlter Einzelkämpfer seinen Geschichten nachgeht und der Salon-Journalist im Leinen-Sakko, der jungen Palästinensern eine Kamera in die Hand drückt und dann für gefährliche Bilder von den Al-Aksa-Brigaden ein paar Dollar bezahlt. Auch zwei Amerikaner sind da, mit Splitterwesten und grosszügig beschriftetem Four-Wheel-Drive. Nach drei Tagen lassen sie sich per Polizei-Eskorte wieder zur Ausreise nach Eres geleiten.

Wir treffen unsere palästinensischen Gesprächspartner wieder. Ihre Lebensbedingungen sind noch schlechter geworden. Der Westen boykottiert die radikalislamische Hamas. Direkt oder indirekt hatte ein Fünftel der Bevölkerung von den Finanzhilfen der USA und der EU profitiert. Jetzt haben die Menschen kein Geld mehr. Fleisch und Fisch sind unerschwinglich geworden. Israel lässt kaum noch Nachschub nach Gaza. Seit zwei Monaten zahlen die Menschen ihre Mieten nicht mehr. Sie leben von Erspartem und auf Kredit. Der reine Selbsterhaltungstrieb für sich und seine Familie bestimmt das handeln. Dramatisch hat sich der Alltag verschlechtert. Viele schicken ihre Kinder nicht mehr in die Schule, weil die zu teuer und der Weg dorthin zu gefährlich ist.

Zum Alltagsleben von Gaza gehören aber auch Herren in schicken Anzügen und schwarzen Limousinen. Umringt von Waffenträgern. Ungerechtigkeiten und Korruption ist allenthalben spürbar.

Alle Welt spricht von einer humanitären Katastrophe. Wer dabei an die Bilder von Kindern mit aufgeblähten Bäuchen wie in Afrika denkt, der sucht sie hier vergebens. Und doch vegetiert das Palästinensergebiet am Rande des Zusammenbruchs.

Schon vor den Parlamentswahlen Ende Januar war die wirtschaftliche Situation im Gazastreifen katastrophal.
80 Prozent der Bevölkerung lebten unter der Armutsgrenze von zwei Dollar pro Tag. Und die 1,3 Millionen Palästinenser im Gazastreifen fühlten sich wie in einem Freiluftgefängnis. Jetzt führen die Menschen dort einen wirtschaftlichen und psychischen Überlebenskampf. Fatalistisch sind sie dabei und als Leidgeprüfte kollektiv auch mutig.

Mittlerweile steht Gaza vor einem Bürgerkrieg zwischen den ehemaligen Machthabern der Fatah und den Anhängern der Hamas…
Einerseits ist der Nahe Osten in den Medien völlig überrepräsentiert und doch weiss man über den Alltag in Gaza wenig. Aber selber sehen ist besser als tausend Agenturmeldungen. Davon ausgehend allgemeingültige Schlüsse über die Nahost-Politik zu ziehen wäre wagemutig.
Nach fünf Tagen reisen wir wieder aus. Zwei Stunden halten uns die Israelis auf. Hinter uns schliesst sich das Gitter. Hinter uns geht der bizarre Alltag im Belagerungszustand weiter. Wir versuchen, nach bestem Wissen und Gewissen – angemessen darüber zu berichten.

Zurück in der Redaktion erreicht mich die Nachricht, dass vor dem Haus unseres Stringers eine israelische Drohne auf ein Auto gefeuert hat. Sein Elternhaus ist teilweise zerstört.

Staatskrise in Kamerun: Machtprobe für Papa Paul

Nach Unruhen verlassen Ende Februar 2008 westliche Ausländer das Land

„Schnell raus nach Europa, bevor es hier knallt wie im Tschad oder Kenia“, sagt eine junge Deutsche, bevor sie in die Nacht-Maschine nach Brüssel steigt. Zwischen 17 und 32 Tote hatte es Ende Februar 2008 bei den heftigen Unruhen in dem westafrikanischen Land  gegeben. In den Tagen danach: Alle westlichen Ausländer die es können, verlassen das Land. Die Entwicklungshelferin der GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) hatte Glück: Denn vorerst bekommt niemand mehr so schnell ein Ticket: Alle Flugverbindungen aus Kamerun sind  bis Ende der Woche ausgebucht.

AUSLÖSER
Straßensperren aus Autowracks und Felsbrocken, brennende Reifen, machetenschwingende junge Männer – begonnen hatte das Ganze eine Woche zuvor  mit einem Streik der Transportunternehmer und Taxifahrer, zu dem die Gewerkschaften aufgerufen hatten. Als bei Demonstrationen in der Wirtschaftsmetropole Douala dann zwei Menschen von der Polizei erschossen werden, kippt der Protest zu landesweiten Unruhen. Tagelang war in Kamerun der Überlandverkehr auf den vier geteerten Verbindungsachsen völlig lahm gelegt.

PRÄSIDENT
Präsident Paul Biya beschuldigte seine politischen Rivalen, hinter den Gewaltaktionen zu stecken. Doch gerade sein korruptes Regime ist es, gegen das sich viele Menschen in Kamerun in ihrer Armut und Verzweiflung auflehnen. Der gerade 75 Jahre alt gewordene Biya ist als unerbittlicher Despot schon 25 Jahre im Amt. Und diesmal will „Papa Paul“, der Vater der Nation, sogar noch einmal die Verfassung ändern, um sich ein weiteres Mandat zu bescheren.

KORRUPTION
Im Land herrschen unterdessen ein Gemisch aus galoppierender Inflation, Armut, Korruption und Perspektivlosigkeit. Allein 2007 sind die Lebensmittelpreise um 30 Prozent gestiegen. Dabei könnte das Land durchaus gut dastehen: Es exportiert Erdöl, Bauxit, Eisen, Kaffee, Kakao – und Tropenholz. Doch die Millionen-Erlöse daraus kommen in vielen Fällen nur der korrupten Führung der kamerunschen 6 Millionen-Gesellschaft zugute.

NKONGSAMBA
In Nkongsamba , 100 Kilometer nördlich der Hafenstadt Douala, stürmten Aufständische das örtliche Gymnasium und wollten die Schüler zwingen, an den Protestaktionen teilzunehmen. Die rund 400 Aufrührer waren mit genagelten Keulen, Macheten und Molotow-Cocktails bewaffnet. Nachdem sie ein leeres Gebäude angezündet hatten, zogen sie ab.

Wir drehen gerade eine Reportage zum Weltfrauentag über eine Mädchen-Selbsthilfegruppe. Bei Ausbruch der Unruhen wollen wir uns in die Hauptstadt absetzen. Doch unser Fahrzeug, besetzt unserem kamerunschen Fahrer, einer jungen Mutter, meinem französischen Kameramann und mir selbst, – wir vier also –  geraten in eine Straßensperre von aufgebrachten Dorfbewohnern. 350 bis 400 angetrunkene junge Männer. Sie versuchen, das Auto umzuwerfen, wollen es anzünden. Zwei Gendarmen und ein paar  weniger aufgestachelte Demonstranten versuchen, die Menge zu beruhigen. Nach eineinhalb Stunden lassen uns abziehen. Wir kehren zurück in unsere Unterkunft, ziehen dort den Kopf ein bis auch wir von Soldaten ausgeschleust werden.

Nur zwei Tage hatte es gedauert und die Regierung hatte an allen strategischen Punkten Militär in Stellung gebracht, daraufhin herrschte  eine entsprechend trügerische Ruhe. Geschäfte waren wieder offen, der Verkehr in den Städten lief fast normal. Doch in den Krankenhäusern stapelten sich die Verletzten der Ausschreitungen der vorausgegangenen Tage, so wurden allein im Hopital Laquintinie in Douala über hundert Verwundete eingeliefert.

AUSLÄNDER
Ausländer wurden nicht verletzt. Im Botschaftsviertel von Yaounde gab es am Donnerstag zwei Einbrüche in Häuser sogenannter „Blancs“ also Weißer. Die westlichen Botschaften waren dennoch auf massive Evakuierungen vorbereitet. In teilweise dramatischen Aktionen wurden alle Ausländer in die beiden Metropolen Douala und Yaounde verbracht. Unter Schutz der kamerunischen Armee wurden sie in Konvois binnen zwei Tagen zu ihren Botschaften eskortiert. Allein 700 Deutsche und 3000 Franzosen leben und arbeiten im Land. Einige französische Firmen wie der Erdölriese „Total“ oder der Telekomanbieter „Orange“ hatten ihre Mitarbeiter außer Landes geschafft.

MEDIEN
Im Laufe der Krise schüttete Präsident Paul Biya zusätzliches Öl ins Feuer, als er in einer Fernsehansprache die Opposition beschuldigte, sie sei für die Gewalttätigkeiten verantwortlich. Der Führer der Sozialdemokratischen Partei  John Fru Ndi sagte daraufhin, man müsse Verständnis haben für die Perspektivlosigkeit vieler Kameruner angesichts der hohen Lebenskosten. Die Menschen stünden mit dem Rücken zur Wand und hätten keine andere Alternative, als ihrem Unmut auf der Strasse Luft zu machen. Zwei regierungskritische Radiostationen ließ Präsident Biya unterdessen schließen, ebenso einen privaten Fernsehsender.

PRÄSIDENTENMASCHINE
War es Paul Biya in den letzten Jahren stets gelungen, seine Widersacher zu bestechen und damit mundtot zu machen – so scheinen mittlerweile die Tage von „Papa Paul“ gezählt. In den Tagen der Krise stritten sich politische Beobachter lediglich noch über den genauen Zeitpunkt wann Präsident Biya das Land verlassen würde. (Die halbe Zeit des Jahres verbringt er statt im Präsidentenpalast in Yaounde ohnehin lieber in seiner Villa am Genfer See.)

Als die junge deutsche Entwicklungshelferin in ihre überfüllte Maschine stieg, da stand jedenfalls auch der präsidiale Privatjet  schon vollgetankt auf dem Rollfeld.

POST SCRIPTUM
Unter dem Deckel des Militärs war es danach wieder monatelang ruhig in Kamerun. Obwohl es in vielen von Armut und Hunger betroffenen Ländern Afrikas kräftig brodelt:  So kam es  in der Folge auch in Senegals Hauptstadt Dakar zu Protestzügen gegen rapide steigende Lebensmittelpreise. Die Demonstranten warfen der Regierung vor, sich mit imposanten Bauvorhaben schmücken zu wollen statt sich um die wichtigsten Grundbedürfnisse der Bevölkerung zu kümmern. . Sie klagten auch über teueres Wasser und Strom. Viele Teilnehmer hielten leere Reissäcke in die Höhe.